Der schwarze Schwan

Antje schaute in den Raum. Ihr Gesicht verzog sich zu einem hämischen Grinsen, als sie Lilly bei ihren Aufwärmübungen an der Stange sah. “Diese Göre muss sich immer in den Vordergrund drängeln. So gut ist sie nun auch wieder nicht“, dachte Antje. Sie musste sich eine Strategie überlegen, wie sie diese Konkurrentin loswerden konnte.

Der Umkleideraum füllte sich. Nacheinander kamen die Elevinnen herein, um sich für das Training umzuziehen. Antje umarmte jede einzeln, umgarnte sie mit ihrer Freundlichkeit. Das war ihre Strategie, damit niemand sah, was wirklich in ihr vorging, welche Kämpfe sie ständig mit sich austragen musste.

Ihre Mutter kam aus Kroatien. Antje sah ihr sehr ähnlich. Ihre schwarzen krausen Haare, ihre braunen Augen und vor allem ihr etwas dunkel- beigefarbiger  Teint unterschieden sie von den anderen Elevinnen. Sie war klein und zierlich, ihr Busen war so kindlich, dass sie keinen BH tragen musste. Das war ein weiterer Grund, der Antjes Selbstbild, das von einem hässlichen Schwan – einem schwarzen Schwan-, weiter nährte. Zwar hörte sie immer wieder, dass eine schlanke kindliche Figur für eine angehende Ballerina von Vorteil sei, aber dies war in ihren Augen kein Argument, das sie gelten ließ. Warum konnte sie nicht beides sein, begehrenswert -mit weiblichen, wohlgeformten Rundungen – und dennoch gefeierte Ballerina? Warum sollte es ihr nicht gelingen, sich als schwarzer Schwan in einen wunderschönen weißen zu verwandeln, in einen, den die Menschen liebten und mit Anerkennung überhäuften?

Seit sie sich als Kind mit ihrem Vater, einem niederländischen Kaufmann, das Ballett „Schwanensee“ auf der Bühne angesehen hatte, fasste sie den Entschluss, ein Star auf der Bühne zu werden, eine Prima-Ballerina. Es war ihr erster Theaterbesuch gewesen und der letzte mit ihrem Vater. Wie glücklich war sie gewesen, hatte sie doch endlich einmal ihren Vater ganz für sich allein gehabt und nicht mit ihren kleineren Geschwistern teilen müssen. Mit glänzenden Augen hatte sie die Schritte der leichtfüßigen Balletttänzer eingesogen und sich vorgestellt, eine von den Ballerinen zu sein, im Pas de deux über die Bühne zu schreiten, majestätisch und feenhaft.

Aber kurze Zeit nach diesem Erlebnis kam ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Sie bewältigte auf ihre eigene Art die Trauer, indem sie heimlich im Schuppen tanzte, sich in der Rolle des Schwans aus Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“ wieder fand. Der Tanz half ihr auch, den Frust über ihr nun verändertes Leben und die Wut zu vergessen, wenn sie wieder auf ihre kleineren Geschwister aufpassen musste, während ihre Mutter bei anderen Leuten putzen ging, um die Familie zu ernähren. Die kleine Witwenrente, die ihre Mutter erhielt, reichte nicht zum Leben.

In ihrer karg bemessenen Freizeit verdiente Antje sich etwas Geld mit der Verteilung von Prospekten. Hier und da führte sie die Hunde von Nachbarn Gassi und tätigte Einkäufe für Senioren. Mit dem verdienten Geld bezahlte sie ihre Ballettstunden bei Madame Kira, einer ehemaligen Prima Ballerina des Bolschioballetts, die einst im Ballett „Schwanensee“ ihren größten Applaus erhalten hatte und nun ihr eigenes Ballettstudio leitete.

Antje trainierte intensiv und hart. Die Übungen fielen ihr nicht leicht. Aber sie gab nicht auf. Immer wenn Sie Zeit erübrigen konnte, übte sie im Schuppen auf dem Hof. Den hatte sie sich zurechtgemacht. Alte, ausgemusterte, fast blinde Spiegel hingen an einer Schuppenwand, an die Wand gegenüber hatte sie aus Latten eine Stange gedübelt und mit Schaumgummi ummantelt, damit sie sie sich nicht ihre Hände oder Füße bei den Übungen aufriss. Von ihrem harten Einzeltraining ahnten die anderen Elevinnen nichts.

Madame Kira klatschte in die Hände. Die Elevinnen stellten sich an die Stange, machten sich kurz warm. Die Ballettlehrerin zeigte ihnen die  Übungssequenz. Antje mochte die Übungen an der Stange nicht. Sie erforderten ein hohes Maß an Konzentration. In jeder Übungssequenz änderte Madame Kira die Abfolge der Trainingseinheiten, sodass Antje es sich nicht erlauben konnte, auch nur einen Augenblick in ihre Traumwelt zu entfliehen. „Antje Mon Dieu, halte dich gerade und strecke deine Füße! Das müsstest du doch inzwischen gelernt haben“, schimpfte Madame Kira.

Begleitet von Tschaikowskys Musik aus dem CD-Player, übten die Elevinnen mehrere Sissonne-Assemblees. Ein Pas de Bourrée folgte und Vorübungen zur Pirouette. Es folgten der Pas de basque und anschließend der Pas de Bourrée und schließlich nach einigen Jetés im Raum acht Piquees.

„Antje, Du musst mehr ins Pliée, wenn Du eine vernünftige Pirouette machen willst“, rief Madame Kira ihr zu. In ihrem Unterton glaubte Antje die Worte mitschwingend zu vernehmen: „Das müsstest du eigentlich inzwischen wissen!“. Sie ärgerte sich und biss sich auf die Lippe. Kritik zu ertragen, gehörte nicht zu ihren Stärken.

„Lilly, mache es Antje mal vor. Damit sie sehen kann, wie es richtig ist“, forderte Madame Kira Lilly auf, die sich sogleich in die Startpose begab. Antje hasste es, wenn sie vor den Elevinnen so erniedrigt wurde, denn genauso empfand sie es. Lilly spielte immer die Rolle der ergebenen braven Schülerin, die selbst dann lächelte und sich ständig entschuldigte, wenn Madame Kira etwas an ihr auszusetzen hatte, was allerdings nicht so häufig geschah.

Nun war Antje an der Reihe. Sie bemühte sich verbissen, dieses Mal alles richtig zu machen.

„So ist es technisch in Ordnung“, stellte Madame Kira nach zwei weiteren Drehungen fest, fügte aber umgehend hinzu: „Du musst aber noch an deiner Ausstrahlung arbeiten. Schau‘ Dir mal an, wie es Lilly macht!“

Antje flüsterte fast unhörbar: „Immer wieder diese Lilly. Sie ist nun einmal Madames Lieblingsschülerin und wird nur selten korrigiert. Aber an meinen Schritten hat sie ständig etwas zu nörgeln.“ Antje hatte es so satt, in Lillys  Schatten zu stehen.

„Mädchen, morgen werden wir mit den Proben für ‚Schwanensee‘ beginnen. Lilly, Du übernimmst wieder den Hauptpart. Die anderen gehören zur Gruppe der Schwäne, “ warf Madame Kira in den Raum, als die Stunde beendet war und sich die Elevinnen der Garderobe zuwandten.

Alle schnatterten aufgeregt mit- und durcheinander. Nur Antje war in sich gekehrt. Wie gerne hätte sie die Hauptrolle übernommen. Wieder sollte sie nur in der Gruppe tanzen. Neid wuchs zu Hass, der sich wie ein Lavastrom durch ihren Körper schlängelte und Zelle um Zelle infizierte. Die folgenden Proben absolvierte sie mit Gleichmut. Eine unter Vielen zu sein, war nicht ihr Traum. Auch wenn ihr die Schrittfolgen und die Rolle der kleinen Schwäne gefielen, es war nun mal nicht die Hauptrolle.

Der Tag der Generalprobe nahte. Madame Kira hatte mit den Elevinnen die einzelnen Tanzschritte gründlich verfeinert. Alle kannten die Reihenfolge nun auswendig. Hier und da musste die Haltung und der Ausdruck verbessert werden. Auch wenn die Tanzschritte nach Madame Kiras Vorstellung noch nicht perfekt ausgeführt wurden, so war der Tanz für einen unbefangenen Betrachter bereits hübsch anzusehen. Er spiegelte den Zuschauern die gewünschte Leichtigkeit vor, eine Illusion, die nur durch hartes Training zu erreichen war.

Heimlich hatte Antje Lillys Part Szene für Szene mit dem Handy aufgenommen. In ihrem Schuppen übte sie ihn. Als sie sich sicher war, dass sie die Hauptrolle beherrschte, begann sie ihre Pläne für die nahe Zukunft umzusetzen. Lilly musste nun aus dem Weg geräumt werden. Seit Wochen hatte Antje bereits gegrübelt, wie sie das Problem lösen könnte. Zuerst dachte sie daran, Lilly irgendwo in den Wald zu locken und sie dort bis nach dem Auftritt festzuhalten. Doch was dann? Lilly würde petzen und Antje hätte eine Menge Ärger am Hals.

Schließlich war in ihr der Plan gereift, ihr etwas in ihren Saft zu tun. Aber was wäre stark genug, sie ans Bett zu fesseln? Einen tödlichen Gifttrank wollte sie trotz aller Hassgefühle, die sie Lilly entgegenbrachte, nicht verabreichen. Sie wollte nicht ins Gefängnis, deshalb musste sie Lilly etwas geben, was einen Auftritt unmöglich machte und vor allem Antje nicht in den Kreis der Verdächtigen rückte. Ihr schwebte eine Darmgrippe vor. Aber wie sollte sie an den Erreger kommen?

Die Bibliothek war der Ort, den sie nun gerne aufsuchte. Sie suchte spezielle Kräuter für ihren Plan und hoffte, diese in einem alten Buch zu finden. Ihr war eine kleine, unscheinbare Kladde aufgefallen. Nichts auf dem Umschlag deutete auf den Inhalt. Zu Antjes Überraschung beschrieb dieses Buch Hexenkulte aus längst vergangenen Epochen. Antje vertiefte sich in diese Abhandlung, bis sie an die letzte Seite gelangte. Im Anhang waren Salben und Tinkturen mit halluzinogenen Wirkungen nebst Rezepturen aufgeführt. Sollte sie diese Rezepte ausprobieren? Wenn Lilly überall auf der Bühne Monster und Ungeheuer sähe, würde sie ihre Generalprobe gründlich verpatzen. Das wäre dann ihre Chance. Madame Kira bliebe nichts anderes übrig, als ihr die Hauptrolle zu geben und mit ihr zu trainieren. Antje könnte der Rolle vielleicht sogar ihren individuellen Stempel aufdrücken – , das Kriterium, mit dem sie bei der Aufnahme zur Ballettakademie punkten könnte. Wie sehr sehnte sie sich danach, endlich den ihr gebührenden Applaus zu bekommen.

Es war nicht einfach gewesen, alle Kräuter für den Hexentrank zu finden. Einige Kräuter besaßen heutzutage einen anderen Namen, andere konnte sie nur im Internet erstehen. Es hatte sie etwas gekostet, aber es musste sein. Einen Teelöffel dieser Kräutermischung füllte sie in ein Teesieb und goss kochendes Wasser darauf. Sie ließ das Getränk 20 Minuten ziehen und nahm das Teesieb heraus. Eine bräunliche Brühe blieb übrig. Sie konnte nicht sagen, wonach dieses Gebräu nun roch. Aber der Trank stank nicht und der Duft war nicht so durchdringend, wie sie befürchtet hatte. In einem Glas Orangensaft gab sie einen Teelöffel des Tees und rührte um. Der Orangensaft änderte seine Farbe nicht. Das war gut so. Aber wie schmeckte er? War er bitter oder süß? Welche Wirkung hatte er? Diese letzte Frage wollte sie zuerst klären. Sie benötigte ein Versuchskaninchen. Aber wer käme in Frage?

Susi, die Katze des Nachbarn, lief gerade vorbei. Antje hatte noch ein Würstchen vom Mittagessen in ihrer Tasche. Sie tauchte es in den mit ihrer speziellen Tinktur gemischten Orangensaft und hielt es Susi vor die Nase. Die Katze roch daran und ging vorbei. Antje versuchte es nochmals. Sie brach das Würstchen durch und legte es Susi noch einmal vor. Die Katze wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Schlich immer wieder um die beiden Würstchenstücke herum und beroch sie argwöhnisch. Dann siegte die Gier und Susi verschlang beide Teile.

Antje beobachtete Susi genau. Sie streichelte sie, um sie daran zu hindern, wegzulaufen. Sie plagte ein schlechtes Gewissen, denn die Katze hatte ja eigentlich nichts mit ihrem Problem zu tun. Susi ließ sich graulen und schnurrte. Schließlich kletterte sie auf eine der Kisten, die in einer Ecke des Schuppens lagen, und legte sich auf das Kissen, das Antje für ihre Zuschauerin schon vor einer ganzen Weile dort hingelegt hatte. Die Katze schien bei bester Gesundheit zu sein. Sie schlief mehrere Stunden und wachte auch nicht auf, als Antje sie streichelte. Antje hatte schon Angst, dass Susi überhaupt nicht mehr aufwachen würde, aber sie fühlte sich warm an. Als Antje am Abend nochmals nach Susi schaute, reckte Susi den Kopf und schnurrte, als Antje sie streichelte. Die Katze zeigte keine Anzeichen einer Vergiftung, hüpfte von ihrem Ehrensitz und verließ den Schuppen. Nun war es an der Zeit einen Selbstversuch zu unternehmen.

Antje nahm einen großen Schluck der gemischten Orangensafttinktur und notierte die Zeit. Sie setzte sich auf den Boden. Die Wände verloren ihre feste Struktur, schienen zu verfließen. An den Wandrändern blühten blaue, faserartige Strukturen auf. Müdigkeit überkam sie. Sie legte sich hin.

Als sie wieder aufwachte, schmerzte ihr Kopf. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie die ganze Nacht einen Wodka nach dem anderen getrunken. Übel war ihr nicht. Das verwunderte sie, denn damit hatte sie eigentlich gerechnet. Das Aufstehen machte ihr Mühe. Ihr war noch immer etwas schwindelig. Aber sie schaffte es an ihren Tisch und schaute auf die Uhr. Sie hatte fünf Stunden fest in einem fast komatösen Zustand verbracht, ohne Träume und Erinnerungen. Das Gebräu würde also, wenn sie die Dosis erhöhte, Lilly lediglich müde machen und in einen langen Schlaf wiegen, ähnlich aber nicht so lange wie im Märchen Dornröschen. Ihr Gebräu versteckte sie jetzt sorgfältig in einer verschließbaren Kiste in der Ecke ihres Schuppens.

Die folgenden Tage verliefen ruhig. Die Anspannung hatte sich gelegt, und sie sah der Generalprobe gelassen entgegen. Immer wieder tanzte sie im Schuppen den Part der Hauptrolle durch. Sie hatte ein gutes Gefühl, war sich sicher, alles richtig zu machen. Deshalb war sie am Tag der Generalprobe freundlich zu allen Elevinnen, hatte sogar nette Worte für ihre Rivalin Lilly übrig. Immer wieder kontrollierte sie, ob sich die Tinktur noch in der Tasche unter dem Handtuch versteckt befand.

Nur noch eine Stunde bis zur Generalprobe. Antje wählte eine größere Portion des Kräutertranks, mischte ihn mit dem Orangensaft, der für die Elevinnen bereitstand, und füllte diese Mischung in eine kleine Flasche, die sie zu diesem Zweck extra mitgebracht hatte.

In der Garderobe tuschelten die Elevinnen aufgeregt und zogen ihre Kostüme an. Eine nach der anderen ging zur Schminke. Auch Lilly war da, fröhlich und ruhig wie immer.

„Darf ich Dir einen Saft mitbringen?“ fragte Antje Lilly äußerst freundlich.

„Ja prima, denn ich muss jetzt zur Schminke. Bitte aber halb Sekt und halb Orangensaft,“ erwiderte Lilly und eilte in ihrem herrlichen Schwanenkostüm aus dem Raum.

Antje war erstaunt. So leicht hatte sie sich die Umsetzung ihres Plans nicht vorgestellt. Zur Generalprobe ein kleines Glas Sekt, um den Abschluss des Trainings zu feiern, war ein übliches Ritual bei Madame Kira. Antje holte sich zwei Gläser Sekt. Von dem einem trank sie eine kleine Menge ab und füllte ihn mit ihren Orangensaftgemisch auf. Nun musste sie nur noch auf Lilly warten, um ihr den Trank zu geben.

Die Musik der Ouvertüre erklang. Das war das Signal für die Elevinnen, sich auf ihre Startpositionen zu begeben. Antje schaute sich um. Lilly kam gerade in die Garderobe. Wie schön sie mit der Schminke aussah. Bewundernd schaute sie ihr ins Gesicht und überreichte ihr das Getränk. Als sie das Signal zum Auftritt vernahm, eilte sie mit den anderen Schwänen davon. Sie mussten zuerst auf die Bühne. Beim Verlassen des Raumes winkte sie noch kurz Lilly zu, die ansetzte, das Getränk an den Mund zu führen.

Antje stand auf ihrer Startposition und machte einige Aufwärmübungen. Ein Klingeln verkündete den nahen Aufzug des Bühnenvorhangs. Alles Gemurmel erstarb, es wurde still. Die kleinen Schwäne verharrten in ihren Posen und warteten darauf, dass der Vorhang sich öffnete und ihr Part,  untermalt von Tschaikowskys Musik, begann. Ein Schwan nach dem anderen erhob sich aus der Pose und tanzte die erlernte Choreographie.  Die Scheinwerfer wanderten von Ort zu Ort, um jeden Schwan zumindest einmal in dieses besondere Licht zu tauchen, das Aufmerksamkeit versprach. Keiner durfte sich jetzt noch einen Fehler erlauben.

Antje war in ihrem Element. Sie fühlte sich in eine andere Welt versetzt, hatte den Eindruck, dass sie tatsächlich als Schwan über die Bühne schwebte. Bis jetzt hatte sie keinen Patzer gemacht. Ungeduldig wartete sie auf ihren großen Moment, endlich Lillys Rolle übernehmen zu können. Bald schon müsste es so weit sein.

Antje traute ihren Augen nicht. Lilly tänzelte über die Bühne, um den Startpunkt für ihr Solo zu erreichen, dabei lächelte sie. Ihre Schritte waren fehlerfrei. Antje konnte keine noch so kleine Unsicherheit entdecken. Sie  konnte es nicht fassen. Wie war das möglich? Aber Lilly kam nicht mehr dazu, ihren Part zu beginnen.

Die Musik erstarb. Die Scheinwerfer erloschen. Der Vorhang schloss sich. Ein Raunen ging durch die Schar der Eleven. „Was ist los?“, fragten sie und fingen an, zu tuscheln. Antje schaute zum Bühnenrand. Was wird Madame Kira dazu sagen? Doch Madame Kira stand nicht auf ihrem gewohnten Platz. Sanitäter trugen sie auf einer Trage zum Krankenwagen, der vor dem Theater stand. Die Generalprobe war abrupt beendet worden und die Vorstellung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Nur ein Glas stand noch an der Stelle, an der Madame Kira gesessen hatte. Es war leer, nur etwas Orangensaft und einige winzige dunkle Faserfetzen bedeckten den Glasboden.

©KBV Radziwill 2016