Belarus – das unbekannte Land

Weißrussland
Belarus

Neugierde trieb mich an. Ich sah die Bilder auf der Homepage des Reisebüros. Die angebotene Rundreise führte über viele Orte, die ich bei der Beschäftigung mit meiner Familiengeschichte entdeckte. Sie gehören nun zu Belarus, Weißrussland. Dieses Land war für mich ein weißer Fleck auf meiner Landkarte Europas, ein unbekanntes Land. Grund genug, einen Ausflug in das Land meiner Ahnen zu unternehmen.

Im Reiseführer von Böhm/Rakhlei informierte ich mich: Belarus hat einen Präsidenten, der das Land mit eiserner Hand führt. Auf einigen Delikten folgt noch als Strafe die Todesstrafe. Die Charta der Menschenrechte nach dem Vorbild der EU gilt hier nicht. Die Europäische Union bemängelt, dass die Menschenrechte nicht immer eingehalten werden. Der Präsident ist vom Volk für weitere Jahre in seinem Amt bestätigt worden, denn die Menschen wollen Sicherheit und Wohlstand. Zu viele Katastrophen hat dieses Land in der Vergangenheit erlebt, zuletzt die Kernkraftkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl gleich hinter ihrer Grenze. Das ist nun Jahrzehnte her.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion – in Belarus die Wende genannt – bemüht sich das Land um eine eigene Identität. Es will als eigenständiges Weißrussland von allen Nationen anerkannt werden, als ein modernes Land in der Mitte Europas gesehen werden. Zwar gehört der Staat zur Wirtschaftsunion Russland, aber geschichtlich gesehen ist Weißrussland auch ein Teil Westeuropas.

Im Mittelalter bis zur Zeit der Nordischen Kriege gehörten seine einzelnen Regionen zum Großfürstentum Polen-Litauen. Dann wendete sich das Blatt. Einige östlich gelegene Landschaften gingen an Russland. Aber erst die neue Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg brachte auch die letzten früher noch polnischen Gebiete des heutigen Staates Belarus mit in den Schoß von Mütterchen Russland. In den Köpfen der Westeuropäer ist dies zum Teil noch heute so.

Minsk, eine moderne Großstadt, ist häufig der Ausgangspunkt für einen Besuch in Weißrussland. Denn nicht weit entfernt liegt der Flughafen, das Aus-und Einfallstor zum Rest der Welt. Wer was auf sich hält, lebt hier. Diese Stadt bietet, was der verwöhnte Westeuropäer nicht missen möchte. Neben dem außerhalb gelegenen Flughafen, dem zentralen Ort für Flüge nach Wien, Frankfurt und die Welt, laden unzählige Restaurants zum Verweilen ein. Nicht nur die einheimische Küche wird angepriesen, Pizza und Döner haben längst die Stadt erobert. Mineralwasserflaschen zum Durstlöschen stehen auf allen Tischen bereit. Das Lieblingsgetränk der Weißrussen, Wodka, wird neben Bier und anderen alkoholischen Getränken auch angeboten, aber nicht aufgezwungen. Im Verkehr gilt die 0-Promillegrenze. Den zahlreichen Autofahrer bleibt nur der Griff zur Mineralwasserflasche, wenn sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten und im Gefängnis landen wollen.

Minsk ist nun stolze Besitzerin einer Nationalbibliothek. Das älteste Buch ihrer Sammlung stammt aus dem 15. Jahrhundert. Natürlich fehlen auch nicht Theater, Museen, Konzerthallen und all die Gebäude und Attraktionen, die in Großstädten üblich sind. Auch der Stau auf den Straßen während der Rushhour erinnert an zu Hause. Was auffällt: weder Bettler noch Betrunkene sind am helllichten Tag auf den Straßen zu sehen. Kein Unrat liegt herum, alle Blumenbeete und Gartenanlagen sind gut gepflegt. Die Fußgängerampeln an den Straßen zeigen die Sekunden an, die noch verbleiben, bis die Ampeln auf Grün schalten. All dieses vermittelt den westeuropäischen Besuchern den Anschein von Ruhe und Ordnung. Ein Blick hinter den Fassaden dieser Stadt entzieht sich dem Touristen. Für ihn erscheint die Stadt als ein friedlicher und sicherer Hort.

Von Minsk aus, der Drehscheibe zu Russland, fährt täglich der Minsk- Moskau- Express. Er verbindet nicht nur die Hauptstadt, sondern auch den westlichen Zipfel des Landes, die Stadt Brest mit Moskau, dem russischen Macht- und Wirtschaftszentrum. Die blauen Wagons werden von Zugbegleiterinnen betreut. Je eine betreut einen Wagon und hat ein offenes Ohr für die Belange der Reisenden, sofern er russisch oder weißrussisch spricht. In Westeuropa ist ein solcher Luxus undenkbar, nicht bezahlbar. In Belarus werden auf diese Weise Arbeitsplätze geschaffen.

Nostalgie erwartet den Gast im Express. Die kalte Zweckmäßigkeit der westeuropäischen Bahnen fehlt. Ich vermisse sie nicht. Kleine Abteile zum Sitzen oder umgerüstet zum Schlafen mit Tisch, Gardinen am Fenster und Läufer am Boden wollen dem Passagier eine Atmosphäre der Gemütlichkeit vermitteln. Kurz vor der Tür zum nächsten Wagon steht ein nostalgisch anmutender Kohleofen, der den Teekessel brodeln lässt und im Winter wärmt.

Eine Fahrt mit diesem Zug lässt die Vergangenheit der Eisenbahngeschichte lebendig werden. Sie erinnert an die Zeit, als gutbetuchte Reisende eine behagliche Eisenbahnreise auf einem Sitzplatz in Plüsch wie im Salon oder im heimischen Wohnzimmer genießen durften. Eine Fahrt mit der Eisenbahn sollte als Erlebnis in Erinnerung bleiben und nicht nur als Mittel zum Zweck, um das Ziel zu erreichen.

Die Bahnhöfe ähneln denen in Westeuropa. Manche sind klein, andere nach historischen Vorlagen gebaut und mit allem ausgestattet, was für eine Reise nötig ist. Rolltreppen führen zu den einzelnen Stockwerken der im Bahnhof integrierten Einkaufsmeile. In Minsk führen die Wege durch den Bahnhof auch zur U-Bahn-Station.

Weißrussland ist aber auch das Land der großen Waldlandschaften, Seen und Naturschutzgebiete. Kleine Ortschaften sind in den Lichtungen der Wälder versteckt. Die in den Landstrichen zerstreuten Dörfer mit ihren Sandwegen und kleinen umfriedeten Häuschen, lassen erahnen, wie es hier in den vergangenen Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Besonders überrascht wird der Westeuropäer von den ausgedehnten Waldgebieten jenseits der Straßen, die die nördlichen Regionen verbindet, unterbrochen von großen staatlich betriebenen Agrarflächen. Diese im westeuropäischen Stil ausgebauten Straßen ermöglichen, den Menschen auf dem Lande mit Bussen oder dem Auto die Kreisstädte zu erreichen mit ihren Verwaltungen, Schulen und Einkaufszentren. Diese kleinen Städte sind die Anlaufstelle für notwendige Besuche beim Arzt oder bei der Behörde.

Die Bewohner des Landes sind stolze Weißrussen, die ihre historischen Wurzeln erforschen. Einst gehörten einige Landstriche Weißrusslands zur RUS, die von den Nordmännern, den Wikingern, jenseits des Meeres auf die Bitte der ansässigen Stämme gegründet wurde und den Handel und den Warenaustausch über das heute ukrainische Kiew bis zum Schwarzen Meer regelten. Das war lange bevor, die Moskowiter ihren Fuß in die Geschichte setzten und diese Staatengründung für sich vereinnahmten.

In der Schule lernen die Kinder die russische und weißrussische Sprache. Die weißrussische, die heutzutage die weißrussische Identität ummantelt, ähnelt der russischen. Aber es gibt kleine Besonderheiten wie z.B. ein zusätzlicher Buchstabe, der im Russischen nicht zu finden ist. Nach Akudowitsch ist das Weißrussische keine Weiterentwicklung der alt-russischen Sprache, die in den Gebieten der ehemaligen RUS als Amtssprache vorherrschte. Diese ruthenische Sprache, die Sprache der Ostslaven im Großfürstentum Polen-Litauen und Königreich Polen, war einst im 16. Jahrhundert das Organ der Machthaber. Als Kanzleisprache war sie das Sprachrohr, das Kommunikations- und Machtinstrument des Staates. Einige litauisch-polnische Gesetzestexte und Richtlinien sind in dieser Sprache verfasst worden. Sie war das Sprachrohr der politischen, religiösen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten. Das ist nun Geschichte, denn nach Akudowitsch läutete der Aufstieg des Polnischen zur Kanzleisprache den Niedergang der altrussischen Sprache ein (Akudowitsch, S. 39).

Die Wiege der weißrussischen Nation ist nach Akudowitsch das Russische Reich (Akudowitsch S. 39ff). Denn erst nach der 3. Polnischen Teilung erfolgte die Russifizierung der weißrussischen Landstriche. Dies begünstigte die Entwicklung der weißrussischen Sprache, die sich nach dem Zusammenbruch der Romanow-Dynastie 1917-1920 weiterentwickeln konnte. Aber nicht nur die gemeinsam gesprochene Sprache, sondern auch die Aufarbeitung der Geschichte gehört zur Nationalbildung.

Ein restauriertes Schloss
Njaswiz

Es ist ein langsamer Prozess, der seit der Wende fortschreitet. Mit viel Liebe wird in Belarus das restauriert, was nicht gänzlich in unzähligen Kriegswirren zerstört wurde. In dieser waldreichen Landschaft mit seinen fruchtbaren Böden gab es einst sehr viele Schlösser, Burgen, Kirchen und Klöster aus der Zeit des Großfürstentums Polen-Litauen. Heute sind es begehrte Ausflugsziele der Bevölkerung. Sie unterstreichen das neue historische Bewusstsein. Dazu gehört es auch, dass einstige historische Persönlichkeiten aus dem politischen und kulturellen Leben aus der Dunkelheit des Vergessens ins Licht der Gegenwart gehoben werden. Ihre Namen dürfen wieder in den Mund genommen werden.

Nach dem Abbruch der letzten Kirchen in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurden viele von ihnen neu nach Originalplänen gebaut. Sie dokumentieren die multikulturelle Religionsgeschichte. Von jeher gab es auf dem Gebiet des heutigen Staates Belarus viele unterschiedliche Religionen. Zuerst waren diese Gebiete in der Hand der griechisch-orthodoxen und später der russisch-orthodoxen Kirche. Der litauische Großfürst Vytautas hatte Krimtataren und Juden einst ins Land geholt. Wer kennt nicht das Musical Anatevka, das im südlichen Teil von Belarus und nördlichen Teil der Ukraine seinen historischen Ursprung hat.

Arianer und Kosaken fanden in Weißrussland eine neue Heimat. Katholiken und die Lutheraner siedelten sich an. Den Calvinisten gelang es, den Adel von ihrer Religion zu überzeugen. Der Papst in Rom sah dies kritisch. Die Gegenreform tobte über das Land. Es siegte hier aber nicht der Katholizismus, sondern der russisch-orthodoxe Glaube. Heutzutage gibt es wieder viele andere Religionsrichtungen im Land. Klöster in neuer Pracht bereichern die Landschaft.

Chatyn- Gedenkstätte
Gedenkstätte für die Toten

Belarus ist ein Land, in dem die Bevölkerung in den vergangenen Epochen viel Leid erfahren musste. Mongolen fielen im Mittelalter häufig ins Land ein und verbreiteten Tod und Schrecken. Das Söldnerheer der Kosaken, welches in früheren Zeiten gerne in dem Dienst Litauens und Polen-Litauens stand und Privilegien erhielt, war unzufrieden mit seiner Lage. Hofiert, wenn sie für den Krieg benötigt wurden und mit Füßen getreten in Friedenszeiten, wollten sie diese Schmach nicht weiter hinnehmen. Sie nahmen gerne die gestrandeten Bauern und Handwerker auf, die auf der Flucht vor den Geldeintreibern der Magnaten, insbesondere der Zaslawskis, hier ihre Heimat fanden.

Mehr als 10000 geflohene Menschen schlossen sich dem Kosakenheer an. Darunter auch einige, die eine gute Ausbildung beim Adel erhalten hatten und ihre erworbenen strategischen Kenntnisse in der Kriegsführung nun im Kosakenheer anwenden konnten. Mit den Kämpfern aus dem westlichen Europa, die sich hier austoben wollten, formierten sie eine Art von Fremdenlegion. Es kam 1648 zum Kosakenaufstand, der eine Welle der Vernichtung aus den Gebieten der nördlichen Ukraine brachte, die auch über die Landstriche des heutigen Staates Weißrussland fegte.

Niemand wurde verschont. Ganze Dörfer mitsamt Bevölkerung hingeschlachtet, vor allem die mit jüdischer Bevölkerung. Beliebte Ziele waren aber auch die orthodoxen und katholischen Geistlichen. Alles das, was wir aus den Kriegsereignissen des Zweiten Weltkrieges und über die Massaker von Srebrenica gehört haben, diese Gräueltaten fanden bereits hier ihre erste Bühne. Der Adel floh ins Ausland nach Litauen, Polen, Italien, Deutschland und in die Niederlande. Zurück blieben die Bauern, die auf ein Überleben hofften. Das war ein karges Leben, denn die Agrarwirtschaft lag brach und brachte keine Einkünfte.

Die Moskowiter witterten ihre Chance. Ein so geschwächtes Land konnte leicht überrollt werden. Es kam zu den Nordischen Kriegen, zu der sogenannten Sintflut, die über das Land schabte und alles mitriss, was im Wege stand. Polen und Litauer kämpften gegen die Moskowiter. Die Schweden mischten sich ein. Aber auch die Tragödie des Russlandfeldzuges von Napoleon spielte sich hier ab. 1812 kämpften französische und russische Truppen auf der Brücke über die Palata im Gebiet um Vicebsk. An die 14 000 Soldaten auf beiden Seiten kamen in den Fluten um (Böhm/Rakhlei S. 392). Es heißt: Der Fluss färbte sich rot.

Als das Hitler-Heer sich auf den Weg nach Moskau begab, überrollten seine Soldaten dieses Land und tötete fast jeden zweiten Bewohner. Für wenige von Partisanen erschossene deutsche Soldaten rächten sich einige Nazis grausam, indem sie ganze Dörfer mit unschuldigen Kindern und Frauen dem Feuer übergaben. Waggons um Waggons mit eingepferchten Juden fuhren von Köln aus mit Ziel Minsk. Dort wurden die Juden und alle anderen Opfer der Nazi-Diktatur auf Geheiß Hitlers getötet oder wieder unwürdig zusammengetrieben, um in die einzelnen Konzentrationslager verbracht zu werden.

Das ist nun Geschichte. Die Bewohner Weißrusslands hoffen, dass sie nie wieder diese Zeit der Schrecken und Kriege erleben müssen. Nun gehören zum Bild des neuen Weißrusslands viele Schlösser, Residenzen und Kirchen. Sie sind Teil des kulturellen Erbes und gehören der Bevölkerung. Einige Objekte, die nicht mit den Geldern des Weltkulturerbes restauriert werden konnten und nicht stark zerstört sind, werden von Privatleuten liebevoll wiederhergestellt. Sie sind nun Ausflugsziele für die Bevölkerung, die nun die Geschichte ihres Landes auch vor der Zeit der Sintflut kennen lernt. Und das Land kann stolz sein auf seine große Geschichte, als Teil Europas.

Von dieser Geschichte, zeugen noch einzelne Ruinen. Im Norden Weißrusslands hat noch ein Turm der Burg des Mindaugas, dem ersten litauischen König, alle Kriegswirren überstanden, wie auch das Schloss des Vytautas, des litauischen Großfürsten. Klöster und griechisch-orthodoxe sowie byzantinisch-orthodoxe prächtig ausgestattete Kirchen laden nach alten Ritualen ein, sie zu besuchen und zu besichtigen. Weißrussland ist ein landschaftlich schönes Land mit vielen Kulturgütern.

Vicebsk
Vicebsk- die Stadt, in der Marc Chagall aufwuchs

Mein Ausflug nach Belarus, Weißrussland, vermochte, meinen weißen Fleck auf der Landkarte Europas aufzuhellen. Als ich das Land nach einer einwöchigen Rundreise verließ, war ich weit entfernt davon, das Land und seine Bevölkerung verstehen zu können. Aber ich verstand nun meine Ahnen ein wenig mehr, konnte die Beweggründe verstehen, wieso sie gerne in dieser Landschaft lebten und wie schwer es ihnen gefallen sein mochte, diese zu verlassen.

Ich nahm die Erkenntnis mit, dass auch die Menschen in Belarus den Frieden lieben, gerne ins Ausland reisen und für sich und ihre Familien auf eine gute Zukunft hoffen. Es sind unsere Brüder und Schwestern. Uns verbindet mehr, als uns scheinbar trennt. Denken wir nur an Marc Chagall, der in diesem Land seine Kindheit und Jugend verbrachte, bevor er sich im Westeuropa als Künstler einen großen Namen machte.
©KBV Radziwill Dezember 2017

Literatur:
Akudowitsch, Valentin. Der Abwesenheitscode. Berlin: Suhrkamp 2013.
Böhm, André; Rakhlei, Maryna. Weissrussland. Berlin: Trescher Verlag 2016
Der große Ploetz. Freiburg im Breisgau: Herder 2008
Friedl, Robert A. Polen und sein Osten am Vorabend einer Katastrophe. Der große Kosaken- und Bauernaufstand des Jahres 1648. Inaugural-Dissertation (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) November 2004.
Kappeler, Andreas. Kleine Geschichte der Ukraine. München, Beck 1994, S. 41

Der Mensch im 21. Jahrhundert

In 21. Jahrhundert leben wir auf einer überbevölkerten Erde. Die Kluft zwischen den Menschen, die dank der Medizin ein hohes Alter erreichen und denjenigen, die im Elend der Kriege vor sich her vegetieren und zu denen kaum Hilfe gelangt, ist groß aber überwindbar. Es liegt an uns, die Erde zu einem irdischen Paradies zu formen, ohne Kriege, Hunger und Verzweiflung. Was hindert uns, dieses Ziel zu erreichen? Sind es die Eitelkeiten einiger hochrangiger Persönlichkeiten, die nur ihr eigenes Glück verfolgen, oder ist es das Unvermögen, aus der Analyse vergangener Ereignisse zu lernen?

 

Wir haben großes Wissen angesammelt und unsere Erkenntniswelt vergrößert. Wir dachten, die Vernunft würde den Siegeszug der Erkenntnis anführen und uns eine Welt des Friedens bringen. Stattdessen regiert in vielen Staaten der Jahrmarkt der Eitelkeiten. Präsidenten, die die Macht vergöttern und tief gekränkt sind, wenn ihnen die gewünschte Anerkennung nicht in dem Maße entgegengebracht wird, wie es ihnen ihrer Ansicht nach geziemt. Religionsführer, die ihre Religion als die einzig wahre ansehen. Oligarchen, die die Sucht nach mehr Reichtum nicht mehr abstreifen können. Die Reichtümer unserer Erde sind in der Hand weniger. Die Kluft zwischen Armut und Reichtum wird immer tiefer.

 

Das hat Folgen für uns alle. Einst blühende Städte werden in ein Trümmermeer verwandelt. Kaum zählbare Zivilopfer liegen in Massengräbern. Hungersnöte, die ganze Gebiete menschenleer fegen. Kinder, die an heute heilbaren  Krankheiten sterben, weil kein Arzt zu Ihnen kommen kann, um sie zu behandeln. Pure Ausbeutung derjenigen, die es nicht schaffen, in unserer Welt Anerkennung zu erlangen und mehrere Jobs annehmen müssen, um ihre Familien zu ernähren. Verheerende Klimakatastrophen, die ganze Landstriche zerstören und Menschenleben rauben, weil die Mächtigen der Welt sich nicht darauf einigen können, gemeinsam zu handeln, um die Erde lebenswert zu erhalten.

 

Wir haben den Mechanismus von Ursache und Wirkung ergründet. Wir haben Katastrophen und Revolutionen analysiert. Trotzdem ist unsere Welt noch nicht überall von Frieden geprägt. Und dort, wo er vorkommt, muss er behütet werden, wie eine Blume im Wüstensand.

 

Haben wir eine Entschuldigung für den Zustand unserer Welt? Nein, egal welche Gründe der Eine oder der Andere auch anführen mag. Im 21. Jahrhundert kann es keine Entschuldigung geben. Wir müssen uns eingestehen, unsere scheinbar zivilisierte Welt ist in der Frage des Friedens und der Entwicklung der Menschheit noch nicht sehr weit von der Zeit des Mittelalters entfernt. Doch die Menschen dieser Epoche haben im Gegensatz zu uns eine Entschuldigung für ihr Handeln. Denn im Mittelalter fehlte das Wissen von Ursache und Wirkung politischer Ereignisse. Wenn die Menschen im Mittelalter diese Erkenntnisse gehabt hätten, wären dann viele verheerende Kriege ausgeblieben? Wir wissen es nicht.

 

Im 21. Jahrhundert ist aber eins gewiss: Die Wurzel des Übels ist der Mensch. Selten wichen Eitelkeiten der Herrschenden der Vernunft. Die Gier nach mehr Macht und Anerkennung war stets stärker als die Barmherzigkeit seinen Mitmenschen gegenüber, so scheint es auch heutzutage noch zu sein. Auch wenn sich die Randbedingungen in unserer Gesellschaft geändert haben, wir aus der Erkenntnisfinsternis früherer Epochen emporgestiegen sind und nach den Sternen greifen, geschieht dies wieder aufgrund von Gier. Es geht darum, der erste auf dem nächsten Planeten zu sein, um sich das Territorium mit seinen Bodenschätzen zu sicher. Denn wir sind noch immer derselbe Homo Sapiens Sapiens, der einst von Afrika aus auszog, die Welt zu beherrschen. Benötigen wir den nächsten evolutionären Schritt unserer Spezies, damit endlich unsere Welt lebenswert wird?