Bild von Editha R-Asmuss - Bedrohung
Edita R-Asmuss

Katja Radziwill, 1. April 2021: Der Test

Der COVID-Schnelltest im Testzentrum Pernsdorf bringt Mias Welt ins Wanken. Das positive Testergebnis erschüttert sie: Statt Pläne für die Zukunft zu schmieden und Wünsche zu erfüllen, beherrscht sie von einem auf den anderen Moment Unsicherheit, Zweifel und Angst. Eine düstere Wolke umgibt sie, lässt keinen Sonnenstrahl durch. Statt Wärme empfindet sie Eiseskälte im Herzen.

 Es ist ein abrupter Wechsel. Vor keiner halben Stunde hatte sie sich auf das gemeinsame Osterfest mit der Familie gefreut. Dann kam das positive Testergebnis. Ihre Hoffnung auf das Lachen, auf das glückliche Zusammensein, auf Harmonie und auf Freude zerplatzte wie ein Ballon im heißen Sonnenstrahl. Nur um sicher zu sein, niemanden ihrer Liebsten anzustecken, hatte sie sich zu einem Corona-Test im Ort angemeldet. Sie war überzeugt, gesund zu sein. Dass dieser Test positiv ausfällt, kam ihr nicht in den Sinn. Warum auch? Sie hatte sich immer an die AHA-Regeln gehalten und überhaupt, wo und wie hatte sie sich angesteckt?

Mia überlegt intensiv. Sie hat Urlaub. Ihre Besorgungen hatte sie nur beim Lebensmittelhändler, der Drogerie und beim Metzger erledigt. Hatte sie sich dort infiziert? Mias Schock wandelt sich in Empörung. Liegt kein Irrtum vor? Sie fragt nach. Der PCR-Test wird Aufschluss bringen, erhält sie als Antwort. Davon hat sie nichts gehört. „Mit diesem Test aus einer Probe aus den Schleimhäuten der Atemwege kann zuverlässig nachgewiesen werden, ob Erreger vorhanden sind.“, erklärt ihr die Arzthelferin.

Als Mia den Nachhauseweg antritt, ist der Himmel wolkenverhangen. Sie hat keinen Schirm dabei. Ob sie es trocken nach Hause schafft? Auf dem Rückweg formen sich Erinnerungsbilder ins Gedächtnis von lebensgefährlich an COVID-Erkrankte auf den Intensivstationen, angeschlossen an Schläuchen und Beatmungsgeräten. Würde sie dieses Schicksal demnächst mit ihnen teilen? Mit ihren 42 Jahren gehört sie nicht zu den gefährdeten und vorbelasteten Personen, die auf den Intensivstationen um ihr Leben kämpfen und versuchen, dem Tod von der Schüppe zu springen. Dass bei der grassierenden weitaus ansteckenderen britischen COVID-Mutation der Tod häufiger an die Tür der jüngeren Patienten klopft, hatte sie den Medien entnommen. Diese Vorstellung ängstigt sie. Sie will nicht zu dieser Gruppe gehören. So will sie nicht sterben! Ihre Liste kommt ihr in den Sinn. Einer Laune nachgebend, hatte sie diese zu ihrem 40. Geburtstag aufgestellt. Von ihren vielen Plänen hatte sie nur zwei erledigt. Was ist mit den anderen Vorhaben auf der Liste? Bisher nahm sie an, sie hätte eine Lebenserwartung von fast 90 Jahren. Ihre Oma hatte dieses Alter erreicht. Warum mit 42 an COVID sterben? Es erscheint ihr sinnlos!

Zuhause vermag Mia, sich nicht abzulenken. Das Testergebnis lastet wie Blei in ihren Gedanken, ist präsent, lässt sie nicht ruhen, sie nicht entspannen. Dabei sehnt sie sich nach einem kleinen Hoffnungsschimmer. Ihre düsteren Gedanken fesseln sie, lassen es nicht zu, sich zu freuen und zu lachen. Empörung macht sich in ihren Körper breit. Warum haben die Politiker es nicht geschafft, alle gefährdeten Personen zu impfen, wie sie es im Dezember lauthals verkündet hatten? Wenn diese ihr Vorhaben umgesetzt hätten, wäre sie vermutlich geimpft und freute sich auf die Zukunft. Mia erinnert sich an Berichte in den Medien: Einzelne Personen, die noch nicht an der Reihe waren, hatten ihre Beziehungen spielen lassen und sich eine Impfung geholt, die nicht für sie vorgesehen war. Das macht Mia wütend. Sie hat keine nützlichen Beziehungen! Ist sie weniger Wert, nur weil sie über keine weitreichenden politischen Netzwerke verfügt? Ist sie ein Mensch zweiter oder gar dritter Klasse!

Mia nahm ihr Leben lang als Verkäuferin an der Wursttheke des Supermarktes im Ort die Wünsche der Kunden entgegen. Das war nicht immer problemlos. Es gab immer wieder Kunden, die ihren Frust an ihr ausließen, obwohl sie nicht der Grund dafür war. Die Politiker hatten eingesehen, wie wichtig ihr Beruf für die Bevölkerung ist,  für den inneren Frieden im Land! Denn, wenn alle Verkäuferinnen an COVID erkrankten, wer würde dann die Lebensmittel an die Kunden verkaufen? In ihrer Vorstellung formt sich ein Bild von protestierenden Männern und Frauen vor den geschlossenen Lebensmittelläden. Plünderer, die sich mit allem eindecken, was sie zu greifen vermögen. In den wenigen geöffneten Läden kaufen Menschen die Regale leer. Als Verkäuferin im Lebensmittelhandel gehört sie in die Gruppe mit der Impfpriorität 3, zu der letzten Impfgruppe. Ihr Impftermin liegt weit in der Ferne, zu weit.  Mia wünscht sich eine sofortige befreiende Impfung. Sie will ohne Angst und nicht in der ständigen Befürchtung leben, dass der nächste Test positiv verläuft.

 Mia wirft einen Blick auf ihre Uhr. Es ist Zeit, den Mantel anzuziehen. Als sie die Haustür öffnet erwarten sie erste Regentropfen. Sie geht nochmals ins Haus und holt den Schirm. Wieder  kontrolliert sie die Uhrzeit. Es bleiben ihr 10 Minuten für den Weg ins Zentrum. Bisher nahm sie ihn mit federndem und voller Energie geladenen Gang. An diesem Tag aber ist ihr Schritt schwerfällig, als schleppt sie an beiden Händen prall gefüllte Einkaufstaschen. Soll sie umkehren und abwarten, was mit ihr geschieht, wie der Virus ihr die Kraft zum Atmen raubt? Als sie ihr Ziel am Ende der Straße erblickt, die Arztpraxis, nimmt sie allen Mut zusammen. Sie packt den Mundschutz aus der Tasche und setzt ihn auf. Ihre Brille beschlägt. Das ärgert sie normalerweise immer wieder. Aber nicht heute. Es ist ihr egal. Wie ein Tier, das zur Schlachtung geführt wird, ergibt sie sich ihrem Schicksal.

Für Mia ist die Arztpraxis ausnahmsweise noch geöffnet. Mia desinfiziert ihre Hände. Die Arzthelferin empfängt sie mit einem Lächeln. Mia aber hat kein Ohr für die freundlichen Worte. Stumm folgt sie der Sprechstundenhilfe hinterher ins Labor. Die Prozedur des PCR-Tests erduldet sie wortkarg. Nur aus der Ferne nimmt Mia die Worte der Arzthelferin wahr. „Die Auswertung des Testes dauert etwa vier bis fünf Stunden. In der Regel erhalten sie das Ergebnis nach ein bis zwei Tagen. Das Ergebnis des erneuten Schnelltestes steht in spätestens 30 Minuten in der E-Mail. Nur wenn dieser Test wieder positiv ist, wird der PCR-Test an das Labor weiterverschickt.“, teilt ihr die Arzthelferin mit. Als Mia mit leerem Blick die Praxis verlässt, kümmert sie nicht der niederprasselnde Regen.

Auf dem Nachhauseweg wirken Mias Schritte kraftlos. Die Ohnmacht, dem Virus hilflos ausgeliefert zu sein, hält sie fest im Griff. Langsam als wäre sie 90 Jahre alt, legt sie ihre nasse Garderobe auf das Schuhschränkchen im Flur. Dass sie den Regenschirm in der Arztpraxis vergessen hat, bemerkt sie nicht. Mit nassen Haaren setzt sie sich auf den Stuhl in der Küche. Ihr Tablet liegt auf dem Küchentisch. Ob schon eine Nachricht über das Testergebnis da ist?  Angst vor dem vorläufigen Ergebnis schnürt ihr die Kehle zu. Mia schafft es nicht, den Gedanken an die Mail zu verdrängen. Sie bekommt den Kopf nicht frei. Sie muss endlich Gewissheit haben! Mia öffnet ihr Postfach. Ihr Herz pocht. Die erwartete Nachricht ist da. Mia wagt es, kaum zu atmen und öffnet den Anhang. Fällt dieser Test ebenfalls positiv aus? Sie liest die Nachricht einmal, dann ein zweites Mal. Ihre Augen haben ihr keinen Streich gespielt. Der Test ist negativ. Sie ist nicht an CORONA erkrankt. Vorerst hat der Spuk ein Ende.